Ode an meine Lieblingskundin – Marketing 2.0 oder: Das Leben ist keine Nische

Karen Hartig Allgemein 13 Comments

Blog Lieblingskundin- ein Frau mit Kurzhaarfrisur, verschwommen hinter einer Scheibe mit Regentropfen

Einmal im Jahr erlaube ich ihm, mich anzurufen. Ihm, dem jährlich wechselnden Marketingmann, der mir ein sechsstelliges Einkommen in Aussicht stellt, und das binnen 12 Wochen. Dazu muss ich nur seinen Online-Kurs „Reich in 5 Schritten“ mit geheimem Insiderwissen buchen, den es aktuell zum Vorzugspreis in Höhe von 9.590 Euro gibt. Plus exklusiver Facebook-Gruppe.

Jedes Jahr gelobe ich „nie wieder“. Dem Marketingmann 2019 bin ich erlegen, weil er die sechsstellige Verheißung in überraschend süffige Sätze gepackt hat.

Nennen wir ihn Lars. Er ruft auf die Minute pünktlich an und erinnert mich daran, dass ich nur heute in den Genuss des Vorteilspreises komme. Meine Website hat er sich schon angeschaut und findet sie attraktiv.

Auf der Suche nach der Lieblingskundin

„Fein“, sage ich, „also was muss ich tun fürs sechsstellige Einkommen?“
„Wir müssen erstmal Ihre Zielgruppe definieren“, sagt er ernst.
„Wie jetzt? Die steht da doch: Frauen, die ein bestimmtes Problem lösen wollen, und das möglichst zügig.“
„Frauen sind keine Zielgruppe“, sagt Lars, „das ist schwammig, das wollen wir nicht.“
„Doch“, sage ich, „das wollen wir. Das ist genau meine Zielgruppe.“
„Nein nein nein“, sagt Lars, „das muss viel ausgefeilter und spitzer sein. Was für Frauen sind Ihre Zielgruppe? Also ich meine, wie alt sind sie?“
„Och“, sage ich, „Alter wird meiner Erfahrung nach überbewertet. Manchmal sind sie vierzig, manchmal Anfang dreißig oder fünfzig, und letztens kam eine fabelhafte 62-Jährige, die …“
„Entschuldigung, so geht das nicht“, unterbricht Lars. „Bitte legen Sie sich fest. Die Frau, mit der Sie am allerliebsten arbeiten, das ist Ihre Lieblingskundin, und genau auf diese müssen Sie Ihr Angebot punktgenau abstellen.“
„Und dann verdiene ich sechsstellig?“, krähe ich begeistert.
„Das ist die Basis, sozusagen.“ Die subtile Einschränkung in Lars’ Worten erreicht mich durchaus. „Sie brauchen unbedingt eine Nische, die Ihre Konkurrenz nicht bedient.“

Die Nische finden, filtern und dann reich werden

Auf der Suche nach der richtigen Nische: Rechteckige Nische in einer verputzen Wand

Quelle: Pawel Czerwinski | Unsplash.com

Eine Nische also. Ich sage Lars, dass ich darüber erst nachdenken muss. Nächste Frage, bitte.
„Gut. Welchen Beruf hat Ihre Lieblingskundin? Und wie heißt sie überhaupt?“
„Hm… vielleicht Maria? Verena? Mathilde? Julia? Latifa? Susanne? Elena? Birgit?“
Lars seufzt nahezu unhörbar. „Bitte verstehen Sie, diese Frau müssen Sie ganz genau vor sich sehen und das mit allen Details, also Haarfarbe, Haustier, Vorlieben. Ein Angebot ist immer auch ein Filter, und den Filter brauchen Sie, damit die Richtigen bei Ihnen buchen.“
„Verstehe“, sage ich, „und der nächste Schritt?“

„Noch lange nicht“, bremst Lars, „erst muss die Zielgruppenanalyse stehen. Was frühstückt Ihre Lieblingskundin, isst sie vielleicht Müesli mit laktosefreier Milch?“
„Mein sechsstelliges Einkommen hängt von laktosefreier Milch ab??“, entfährt es mir.
„Wenn Sie groß denken, und das sollten Sie – dann im Prinzip ja.“
Lars atmet einmal tief durch und erklärt endlich den konkreten Weg zum Reichtum: Als erstes die minutiöse Zielgruppendefinition. Der nächste Schritt sei der Aufbau eines ‚Sales-Funnels’, den möge ich mir vorstellen wie einen großen Trichter, in den oben alle banal Interessierten hineinpurzeln. „Dann sammeln Sie E-Mail-Adressen ein, im Tausch gegen ein E-Book zum Beispiel. Übrig bleiben nur selektierte Kunden, die wirklich, wirklich Interesse haben und sofort buchen, weil Ihr Produkt einfach unwiderstehlich ist.“

„Und dann geht Ihr Business durch die Decke!“

Drei reife, rotbäckige Mangos

Quelle: Ruth Currie | pexels.com

Und dann geht mein Business durch die Decke und das sechsstellige Einkommen kommt praktisch wie von selbst, sagt Lars. Er hat sich jetzt in schillernd-schäumenden Enthusiasmus geredet.
„Nochmal, Frauen, das ist keine Zielgruppe. Frauen zwischen 35 und 40, die zweieiige Zwillinge zur Welt gebracht haben und seitdem keine Mangos mehr vertragen, DAS ist eine Zielgruppe. Dann kommen nämlich alle Frauen mit diesem Problem zu Ihnen, weil Sie in diesem Bereich die Expertin sind und nur Sie dieses Problem lösen können, und dann meldet sich auch die Presse und Sie werden in ganz Deutschland bekannt. Also überlegen Sie sich Ihre Nische!“
„Aber das Leben ist keine Nische!“, begehre ich auf. „Und überhaupt, wie viele Frauen mit zweieiigen Zwillingen und eine Mangounverträglichkeit kennen Sie?“
Lars zeigt jetzt erste Anzeichen von sauertöpfischer Gereiztheit: „Das war doch nur ein Beispiel!“

Lieblingskunden: Sie sind phantastisch, alle miteinander!

„Gut“, sage ich und nehme Anlauf. „Ehrlich gesagt habe ich wenig Ahnung von Mangos. Aber meine Lieblingskundinnen, die kenne ich genau. Eine von ihnen war heute hier, sie suchte nach einem Weg, um sich endlich von ihrer ewig nörgelnden Mutter abzunabeln, ohne dabei Tonnen von Porzellan zu zerschlagen. Und die junge Frau, die schon zweimal durch die Fahrprüfung gefallen war, die war auch meine Lieblingskundin, besonders als sie zwei Tage später die Prüfung bestand, da habe ich hellauf mit ihr gejubelt. Die Führungskraft, die endlich Vorträge halten wollte, ohne dass ihre Beine zittern, was war die toll! Und die PR-Frau Mitte vierzig, die sich zwischen Beruf und Familie aufrieb, so sehr, dass sie sich nach nichts als einem gangbaren Weg aus der Erschöpfung sehnte, das war sowas von meine Lieblingskundin!

Ach, und die jungen Assistenzärztinnen!, das können Sie sich nicht vorstellen, wie oft die von irgendeinem arroganten Oberarzt gedisst werden und dann schon fast überzeugt sind, dass sie bei der nächsten OP die Leber mit der Milz verwechseln werden, und dann tue ich alles, damit sie wieder Selbstvertrauen bekommen. Ja, und die 55-Jährige mit der üblen Flugangst, die unbedingt nach Lissabon zu ihrem neuen Freund fliegen wollte – das war auch meine Lieblingskundin. Manchmal klingelt übrigens auch ein Mann. Ich finde sie phantastisch, alle miteinander. Weil sie’s anpacken und darauf vertrauen, sie schaffen das.“

Vier Euromünzen tanzen auf einem Tisch

Quelle: pexels.com

„Sind Sie noch da?“

Für einen Moment kommt nichts. Lars schweigt. Ich habe irgendwie das Gefühl, als ob das nichts mehr wird, das mit Funnel und Trichter und dem baldigen sechsstelligem Einkommen.
„Sind Sie noch da?“, sage ich.
„Ja“, sagt er, „ja … wollen Sie sich vielleicht erstmal in Ruhe mit meinem Arbeitsblatt zur Zielgruppenanalyse beschäftigen und dann telefonieren wir noch mal? Ich kann Ihnen den Vorteilspreis für meinen Kurs mit geheimem Insiderwissen allerdings nur noch bis nächste Woche sichern.“
Er sagt nichts mehr von „sechsstellig“, doch der Abschied ist freundlich. Wie sich eben zwei Königskinder voneinander verabschieden, die in der Tiefe ihrer Seele wissen, dass sie nicht zueinander finden werden. Nicht mal in einer Nische.

Liebe Lieblingskundin, wie auch immer Sie mit Vornamen heißen, in meinen Augen ist das Leben keine Nische. Das Leben ist breit und weit und lang, manchmal auch tief und wackelig, oft ist es zart und fragil, manchmal ausgesprochen holperig und kompliziert und einsam, und manchmal schläft man sehr schlecht deswegen und weiß nicht weiter. Und alles ist drin in diesem Leben, manchmal zu viel, manchmal fehlt auch etwas, und genau das sind die Dinge, die mich interessieren und auf die ich mich verstehe. Ich coache Frauen, die ein Problem haben und es loswerden wollen. Frauen, die finden, dass sie ein Recht darauf haben, sich gut zu fühlen. Und das WIE, das entwickeln wir dann im Coaching.

Und bitte, frühstücken Sie unbedingt, was Sie möchten, ob Quark mit Bio-Obst, glutenfreie Marmeladenbrote, Rührei mit Speck oder nur Kaffee schwarz – ich habe da keinerlei Agenda, außer: Genießen Sie Ihr Frühstück.

Eine sechsstellige Anzahl von Frühlingsgrüßen schickt Ihnen
Ihre Karen Hartig

(Titelfoto Quelle: Burst | stocksnap.io) 

Kommentare 13

  1. Oh, wie wunderbar. Als Kollegin weiß ich ganz genau von was du sprichst. Und… ich habe mich schippelig gelacht, denn ich konnte mir das Telefonat lebhaft vorstellen. Muchas Gracias!

    1. De nada, liebe Carmen, war mir ein Vergnügen! „Schippelig“ ist übrigens ein neues Wort für mich 🙂

  2. Einfach Köstlich!
    Ganz herzlichen Dank für deine herrlich ehrlichen Worte, liebe Karen!

    Dein toller Artikel hat viele Erinnerungen in mir wachgerüttelt, auch meinen Bauchschmerzen, worüber ich vor langer Zeit einen Artikel schreiben wollte.
    Die Zahl der Marketing-Berater-Coaches für Bearter, Trainer, Coaches & Co schießt in die Höhe. Warum wohl!
    Herzlich
    Soheila

    1. Danke schön! Ja, das ist ja eine ganz bestimmte Nahrungskette, in der ganz viele (mit)verdienen wollen… Liebe Grüße!

  3. Liebe Karen, oder: Liebe Lieblingscoachin-als-Vorbild!

    Wie elegant-amüsant dieser Beitrag ist, muss ich hoffentlich gar nicht mehr sagen, oder? Isser! Was mich aber gerade diebisch freut, ist, dass ich im zweiten Anlauf deine Trüffelspur entdeckt habe … Und das ging so: Ich hab den Kommentar – den ich dir unbedingt schreiben wollte – so lang rausgezögert, dass ich deinen Beitrag ein zweites Mal gelesen habe. Und da – erst da! – bin ich auf DIE MILZ gestoßen. An alle: Da hat Karen ein weiteres Trüffelchen versteckt … Genial! Wie natürlich der ganze Beitrag!

    Ganz liebe Grüße
    Maria

    1. Liebe Maria,
      oh wow, was freue ich mich über deine Nachricht, da hüpft meine Milz direkt mit vor Freude 🙂 Und ich fühle mich geehrt, ungefähr von allem, was du schreibst… danke! Und hoffentlich bis ganz bald live & in Farbe. Liebe Grüße!

  4. Liebe Karen,

    der Beitrag ist einfach nur genial und trifft das Thema auf den Punkt. Danke dafür!

    Ich bin auch gerade eben über diesen Artikel von einer Kollegin von dir gestoßen – dort wird beschrieben, wie man sich vor diesen Tricks schützen kann, damit man erst gar nicht in die Verlegenheit kommt, mit dem Experten telefonieren zu müssen:
    https://marketingcafe.de/marketing-manipulation-so-schutzt-du-dich-vor-marketing-tricks/

    Liebe Grüße,
    Michael

    1. Lieber Michael, herzlichen Dank! Das Schlimme ist ja auch, die Tricks haben eine enorme Sogkraft auf Menschen aus der Branche, die rackern und rackern und dennoch nicht auf einen grünen Zweig kommen. Dann vertraut man – und ist am Ende seine Kohle los. Es gibt kein ROI. Nur für die Anbieter…. liebe Grüße!

  5. „Mein sechsstelliges Einkommen hängt von laktosefreier Milch ab?“ Vielen Dank für diesen großartigen Text, über den ich wirklich herzhaft lachen musste. Marketingberater versuchen gerne, Kunden in einer seehehr kleine Nische zu drängen, weil ihr Job dann einfacher ist 😉 Herzliche Grüße aus Bonn!

  6. Hahaa ich hab lange nicht mehr einen so guten Text gelesen…! Großartigst…Trifft es auf den Punkt…Wenn jemand mit „Persona erstellen“ und „Lieblingskunde“ ankommt, am Besten ganz weit weglaufen 😀

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