Es geht auch ohne Sonnengruß: Mit Yoga gegen schlechte Gefühle, Schlafstörungen und andere Beschwerden

Karen Hartig Buchbesprechung, Karens Lösungs-Mittel 6 Comments

Frau barfuß rollt eine Yogamatte aus

Heute im Blog: Wie ich anfing, nachts wachzuliegen und schlecht zu schlafen. Wie die Begegnung mit Adriene Mishler mich überraschend zu Tränen rührte – und dazu die Rezension der Neuerscheinung „Yoga als Therapie – mit Asanas und Atemübungen gegen die häufigsten Erkrankungen“.

Viele Menschen habe eine Art physischer Sollbruchstelle, wenn sie unter Druck stehen oder über Gebühr belastet werden. Die einen kriegen dann Rückenschmerzen, die anderen Kopfschmerzen, die dritten bekommen es mit ihrer Verdauung zu tun und wieder andere liegen nachts wach. Ich gehöre zur vierten Gattung, Unterkategorie „Durchschlafprobleme“.

Sobald sich sorgenvolles Gewölk in meinem Kopf breitmacht, ist nach der ersten langen Schlafphase Schluss. Dann liege ich wach. Mein Gehirn versucht, Probleme zu lösen, die nachts um vier dummerweise unlösbar sind, es findet nun zielsicher sämtliche dramatischen Endszenarien, auf die die Sache absehbar zusteuern muss, und nach einer Zeit des Wälzens und Drehens stehe ich schließlich auf. Nur, was will man verschwitzt und völlig gerädert morgens um halb fünf im Wohnzimmer, wenn man an lediglich einer einzigen Tätigkeit echtes Interesse hat, nämlich schlafen? Der Begriff „Morgengrauen“ hat sich mir insofern erst in der Corona-Krise wirklich erschlossen.

Früher konnte ich schlafen. Lange, schön und erholsam. Als mein Fitnessclub mit angeschlossener Sauna im November dichtmachte, registrierte ich binnen Tagen einen ernsthaften Verlust an Lebensgefühl und -qualität, der Monat für Monat unangenehmer wurde. Bewegung gehört bei mir einfach zum Leben, damit rege ich mich ab, baue mich auf, vergnüge mich, zudem schläft ein Körper, der was geleistet hat, meist ganz gut.

Ja, schon klar, es gibt dieses Internet, und dort hätte ich online-Kurse für ungefähr jede Betätigung finden können, von südirischem Makramee über Bodyweight-Fitness bis SUP-Yoga. Nur war ich nach Tagen und Wochen mit Dauer-Zoom und Dauer-Teams müde, viel müder als im „real life“. Und hatte abends nur einen Wunsch: weg vom Computer!

Disziplin verbraucht, also her mit der Schokolade!

Weder wollte ich online-Yoga angeleitet von filigran geformten und brezelbiegsamen 25-Jährigen mit süß schiefgelegtem Kopf praktizieren – wer kommt sich schon gern vor wie eine hüftsteife betagte Gemse mit knirschendem Meniskus? – noch wollte ich onlinegymnastisch im Wohnzimmer herumhüpfen. Da wohnt halt noch einer unter mir. Dass ich mich bewegen musste, um mich wieder lebendiger zu fühlen, stand außer Frage – nur eben: Disziplin war aufgebraucht, Motivation war aufgebraucht. Spazieren gehen wollte ich schon lange nicht mehr. Bring doch mal einer eine Tafel Lindor!

Die Zeit, in der ich für gewöhnlich Sport bzw. Yoga machte oder in der Sauna entspannte, ehe der Lockdown sich lähmend über uns legte, verbrachte ich nun also im intimen Zwiegespräch mit Schokolade, exquisiten selbstgebackenen Baileys-Muffins (mit flüssigem Kern, grandios, wollen Sie das Rezept?), Kokos-Pralinés und Colorados. Dazu Strickzeug und ein Spielfilm, gemütlicher geht es kaum … aber glauben Sie mir: Wenn Sie sich praktisch nicht mehr bewegen, wenn in direkter Folge Ihr Körper bereits ächzt, sobald Sie Ihre Schnürsenkel zubinden wollen, wenn Sie nun erst recht schlecht schlafen und dann auch noch Ihre Hosen nicht mehr über die Hüften bekommen, dann kriegt Ihr seelisches Befinden mondkratergroße Dellen.

Eines Tages im Februar, als alles kein Ende zu nehmen schien, kam meine Jüngste mit einem youtube-Video des Wegs und sagte: „Schau mal, das hier könnte dir vielleicht gefallen. Es heißt ‚Yoga to feel your best‘ und geht darum, dass du überhaupt etwas machst. Nur fünf Minuten. Ein bisschen gut fühlen. Die Frau ist super! Probier doch mal, vielleicht schläfst du dann auch wieder besser?“

Wenn man merkt, man ist nicht allein: Welche Erleichterung!

Adriene Mishler (Yoga with Adriene) mit ihrem Hund Benji

So kam ich zu Adriene Mishler und ihrem Kanal „Yoga with Adriene“. Welch‘ Aufatmen, endlich eine gestandene Frau mit einer angenehmen Stimme, Lebenserfahrung und Gefühl. „Find what feels good“ – das ist Adrienes Credo. Kein Perfektionsstreben, kein Chichi-Lifestyle-Gedöns, sondern als Mensch so wahrhaftig, dass ich beim ersten Video die kompletten 18 Minuten dabeiblieb und anschließend vor Erleichterung ein bisschen weinte – denn offenbar war ich nicht mehr allein mit meiner Corona-Leere. Da draußen atmeten gerade Zehntausende anderer pandemiegeschlauchter Menschen auf der ganzen Welt mit mir ein und aus!

Auf dem Youtube-Kanal „Yoga with Adriene“ finden sich hunderte von kostenlosen Videos; regelmäßig gibt sie auch Monatsprogramme mit einem täglich neuen Video heraus. Tatsächlich ging es mir nach zwei Wochen spürbar besser; und liest man ein wenig in den Kommentaren unter ihren Videos, wird schnell klar: Ich bin nicht die einzige, die von sich sagt, Adriene habe ihr Leben verändert. Wenn Sie mehr über die Frau aus Texas lesen wollen, die weltweit über 8 Millionen Yoga-Follower hat, ein absolutes Phänomen!, klicken Sie hier, um zu einem (kostenpflichtigen) Artikel in der ZEIT zu kommen.

Den Übergang zur heutigen Buchrezension, nun, den schrieb ganz einfach das Leben. Drei Monate nach meiner ersten Begegnung mit Adriene erschien der Ratgeber „Yoga als Therapie – Mit Asanas und Atemübungen gegen die häufigsten Erkrankungen“ im Trias-Verlag. In der Ankündigung hieß es: „Ob Rückenschmerzen, Bluthochdruck oder Schlafprobleme – viele Erkrankungen sitzen tiefer oder an einer anderen Stelle, als wir auf den ersten Blick vermuten. Schmerzen und Krankheiten können aber auch eine Chance sein, genauer hinzusehen. Denn sie zeigen uns indirekt, dass wir mehr auf uns achten sollten. Und dabei kann Yoga helfen!“

Ein schön gemachter Ratgeber mit großzügigem Format

Yoga als Therapie, Ratgeber von TRIASAha? Das klang mehr als interessant. Eine Woche später lag das Rezensionsexemplar auf meinem Schreibtisch, und mein Fazit kommt vorweg: Dieses Buch ist rundherum großartig. Wäre es bereits im Mai 2020 erschienen statt ein Jahr später, hätte es sicher einer nennenswerten Anzahl Menschen in den langen Monaten von Lockdown, geschlossenen Studios, sozialer Vereinzelung und damit einhergehenden Sorgen, Nöten, Beschwerden und Schmerzen einige Linderung gebracht.

„Einmal hin, alles drin“, lautet der Werbespruch einer bekannten Supermarktkette, und so erging es mir mit „Yoga als Therapie“. In diesem schön gemachten, klar strukturierten Ratgeber fehlt nichts. Auf 230 Seiten beschreiben die Yoga-Lehrerin Tasja Walther und die Physiotherapeutin Sabine Dorscht sehr ansprechend bebildert, was vielleicht hilft, wenn es irgendwo wehtut oder das innere Gleichgewicht abhandengekommen ist. Denn Yoga hilft gegen so einiges, und manchmal besser als jede Pille, das zeigen viele Studien. Besser gesagt: Yoga hilft für so einiges.

Bei der Ausübung von Yoga nimmt zum Beispiel das Hippocampus-Volumen im Gehirn zu. „Der Hippocampus ist an der Gedächtnisverarbeitung beteiligt und schrumpft mit dem Alter. Wer diesem Prozess durch Sport entgegenwirkt, beugt Demenz und Alzheimer vor. Doch es zeigten sich noch weitere positive Auswirkungen: Die Amygdala war bei aktiven Yogis tendenziell größer und aktiver als bei Gleichaltrigen ohne Yogapraxis. Auch der präfrontale Kortex zeigte ähnliche Effekte“, so die Zusammenfassung einer Meta-Studie von Neurologen in einem Artikel in der „Welt“.

Das im Format angenehm großzügig gestaltete Buch „Yoga als Therapie“ beginnt mit einem Vorwort über die Wirkungen von Yoga als ganzheitliches Konzept, im Anschluss kann jede Leserin mit einem mehrteiligen Selbsttest alle Problembereiche des Körpers analysieren. Erst auf Seite 49 geht es dann „richtig“ los mit Yoga zu den unterschiedlichen Krankheitsbildern. Als da wären: Schlafstörungen, Nervenerkrankungen, Rückenschmerzen, rheumatische Erkrankungen, Herz- und Gefäßerkrankungen, Kopfschmerzen, Menstruationsbeschwerden, Verdauungsprobleme, Müdigkeit und Abgeschlagenheit. Auch wer am Karpaltunnelsyndrom leidet oder bereits am eigenen Leib erlebt hat, wie gemein ein „Impingement“ an der Schulter ist, wird fündig.

Vielfalt zum Wählen: Ein Buch wie eine Schatzkiste

Stets bieten die beiden Autorinnen genaue Erklärungen an, welche therapeutische Wirkung den zugehörigen Asanas, also den yogischen Körperübungen, nachgesagt wird. Einige Extra-Kapitel zu Traditioneller Chinesischer Medizin, zu Atemübungen, Meditationen und Klopfakupressur runden das Ganze ab. Ohne Achtsamkeit und Selbstreflexion geht es übrigens nicht.

Es ist eine wahre Schatzkiste, dieses Buch, ein wirklich gelungener vielfältiger Methodenmix, aus dem die Leser wählen können, handfest und gut umsetzbar geschrieben. Und alles wird ganzheitlich betrachtet. Wenn Sie für bestimmte Asanas (noch) nicht beweglich genug sind oder einfach „nicht drankommen“, dann bietet das Buch für jede Übung einfache Variationen. Die Haltung „Gestreckte Hand umklammert die Großzehe meines kühn in der Luft ausgestreckten Beines“ zum Beispiel, die werde ich in diesem Leben nicht mehr hinkriegen. Aber so what?, mir geht da jeder Ehrgeiz ab. Ich will mich gut fühlen, mehr nicht. Dann bleibt das Bein eben gebeugt.

Was kann nun gegen meine Schlafstörungen helfen? Ich schaue mir die vorgeschlagenen Asanas und Mudras an, die mich in mentale Balance bringen sollen. Dass die sitzende Vorwärtsbeuge beruhigend wirkt, hatte mir bisher noch niemand ausdrücklich gesagt. Für die Müden und Abgeschlagenen gibt es aber noch viel mehr, zum Beispiel eine Energie-Meditation, dazu auch Tipps und Hilfe aus der Natur. Sogar eine kleine Gehmeditation ist enthalten – „Gehe, als würden deine Füße die Erde küssen“ – und als eingesprochene Version online abrufbar. Die vielen kleinen Übungen und Impulse, die die Autorinnen treffend als „yogische Stimmungsaufheller“ bezeichnen, machen Freude. Yoga ist als Weg, um sich zu spüren und wahrzunehmen, kaum zu toppen.

Der große Trick? Find what feels good! 

Der klassische Sonnengruß kommt in diesem Buch übrigens nicht vor, weil er Erfahrung und Anleitung braucht. Eine bewusste Entscheidung der Autorinnen, gut so. Denn anfangs hatte ich durchaus Zweifel: Yoga ohne Vorkenntnisse per Buch zu lernen, halte ich für abwegig. Wie will man ohne Haltungskorrektur durch einen erfahrenen Menschen wissen, ob man die Bewegung richtig ausführt? Kompletten Neulingen würde ich also empfehlen, für die Basics ein paar Stunden bei einer gut ausgebildeten Lehrerin zu nehmen (ich empfehle z.B. die Kurse von Ewa Mazek). Wer schon Yoga übt und eine gute Verbindung zu seinem Körper hat – nur zu!

Find what feels good. Und gönnen Sie sich dieses Buch.

Herzliche Grüße, heute aus der sitzenden Vorwärtsbeuge
Ihre Karen Hartig

„Yoga als Therapie – Mit Asanas und Atemübungen gegen die häufigsten Erkrankungen“
von Tasja Walther und Sabine Dorscht
TRIAS 2021, € 24,99

Titelfoto: Mikhail Nilov, pexels.com

Kommentare 6

    1. Autor

      Liebe Carmen, vielen Dank! – und wir hören uns ganz bald. Liebe Grüße!

  1. Liebe Karen, was für ein wunderbarer und wie immer äußerst witziger Artikel aus Deiner Feder. Buch ist bestellt und Yoga bereits wichtiger Bestandteil im Leben. Sei lieb gegrüßt, Sandra

    1. Autor

      Danke schön, liebe Sandra, das freut mich. Bin gespannt, wie du das Buch findest. Liebe Grüße!

  2. Liebe Karen,
    wunderbar geschrieben – mich hast Du einmal wieder inspiriert und neugierig gemacht :-). Auch danke für den Yoga-Tipp vom Freitag und alles andere .
    Und eventuell könntest Du nachts mal eine kalte Wadendusche ausprobieren und danach den Kopf niedriger lagern als das Brustbein.
    In diesem Sinne gutes Nächtle später.
    Lieben Gruß Jasmin

    1. Autor

      Liebe Jasmin, danke schön! Und die kalte Wadendusche kenne ich im Prinzip, aber nachts noch nicht … ich gelobe, es zu probieren 🙂
      Liebe Grüße!

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