Die Götter müssen verrückt sein oder: Uhura geht einkaufen. Ein surreales Lustspiel in drei Akten.

Karen Hartig Allgemein, Life & the City 6 Comments

kirk spock spielfiguren

+ +  Vorab: Es ergeht eine akute Unterhaltungs-Amüsement-Blödsinn-Warnung + +
Tag 26, Logbucheintrag der USS Enterprise, Sternzeit Corona 11-4-20, Interims-Captain Hartig. – – Morgen ist Ostern, es gibt kein Pardon: Jemand muss raus zum Einkaufen. Im Prinzip verfügt das Raumschiff über einen Replikator, der Lebensmittel 1:1 dupliziert, aber das Gerät kann weder Ingwer noch Broccoli. Zudem wird es bei Vollmond unberechenbar.

Wer einkaufen gehen muss, das losen wir aus Gründen der Geschlechtergerechtigkeit grundsätzlich aus. Ich war ja absolut dagegen, dass die einzige andere Frau auf der Brücke ihre Kompetenzen in einem Supermarkt verschleudern soll, aber was soll man tun: Es traf Uhura, das Los hat entschieden. Mir obliegt es also, den Zirkus hier oben irgendwie am Laufen zu halten. Es sitzen in der Kommandozentrale: Spock, Kirk, Chefingenieur Scott, Sulu, Chekov, Capt. Hartig.

Erster Akt.

UHURA (trägt ihre Eishockey-Montur): Ich bin dann mal weg.

SPOCK: Vergessen Sie nicht, Ihr Altglas endlich wegzubringen. Der Raumgleiter sieht immer aus wie Sau, wenn Sie ihn benutzt haben.

SULU: Haben Sie anschließend noch Zeit für den Baumarkt? Die Klobrille ‚Tarragona‘ ist gerade im Sonderangebot.

KIRK (pikiert): Auf Tarragona setzt man sich nicht drauf, da trinkt man Sangria, Sie Banause.

Während Uhura ablegt, zieht Sulu den Baumarktprospekt aus der Uniformjacke und sieht sich alternativ die Klobrille ‚Deauville Subway 2.0 mit Soft-Schließ-Komfort und Fast Fix‘ an.

SPOCK (sehr sanft über Funk): Good luck, Commander. Wir sind in Sprechverbindung und haben Sie auf dem Bildschirm. Und vergessen Sie nicht, dass ich Ihre Gedanken lesen kann.

Uhura gibt Vollgas und fährt mit dem Raumgleiter durch einen Meteoritenschwarm. Es knallt und klirrt. UHURA singt: Carglass repariert, Carglass tauscht aus!

Spock seufzt.

Zweiter Akt.

Uhura landet vor dem Supermarkt, stellt den Raumgleiter zwischen zwei schlecht geparkten SUVs ab und steigt aus. Sie schnippt mit den Fingern, woraufhin der Raumgleiter sich in ein Bobbycar verwandelt, das die SUVs alle zwei Minuten mit rosa Glibber besprüht. Uhura rumpelt mit einem Einkaufswagen in den Supermarkt.

KIRK: Ihr Blutdruck steigt. Was ist da los??

SCOTTY: Sie steht vorm nichtvorhandenen Mehl. Ihre vegetativen Reaktionen signalisieren Entsetzen.

Uhura geht stumm weiter. Innerer Monolog: Ich versteh’s nicht. Es gibt Backpulver, Tortenguss in rot und weiß, es gibt Sahnesteif, Vanillezucker, rosa Kristallsalz aus dem Palast des letzten Sultans von Grönland. Wieso gibt es kein Mehl?? Was machen die Leute mit dem ganzen Mehl, bauen sie mit ihren Kindern Mehlburgen auf dem Balkon? Mantschen sie tonnenweise Salzteig für Hundehütten in Leichtbauweise?? … Meine Nase juckt. Nicht kratzen. Nicht ins Gesicht fassen. … Die Fernbedienungen auf der Enterprise, desinfiziert eigentlich jemand regelmäßig die Fernbedienungen? … und was, wenn bei Oetker oder Space-Frost der erste infiziert ist, muss das Werk dann schließen? Kriegen wir dann ernsthafte Probleme mit dem Nachschub, und womöglich muss ich dann was von Nestlé kaufen, und – –

SPOCK (trocken): Der nicht endende Bewusstseinsstrom von Mrs. Dalloway ist nichts gegen Sie, Commander. Und jetzt bitte das Obst.

KIRK: Nicht im Gesicht rumfummeln, Commander!

UHURA: Ja-ha! Bananen, Karotten, Broccoli, Paprika, Ingwer, Tomaten, alles da. Und Erdbeeren. Aber nur weil Ostern ist, die sind aus Spanien eingeflogen. 

CHEKOV (sehnsüchtig): Erdbeeren!

UHURA: …………………

SPOCK: Lassen Sie den Quatsch, Uhura!

CAPTAIN H.: Wieso, sie hat doch gar nichts gesagt?

SPOCK: Doch, sie hat nur den Transmitter kurz abgestellt, damit ich es nicht mitkriege.

CAPTAIN H.: Damit Sie WAS nicht mitkriegen, Mr. Spock?

SPOCK: Dass es nett wäre, zu den Erdbeeren noch Sprühsahne zu besorgen und dann heute Nacht den muskulösen Oberkörper von 

CAPTAIN H.: Kinder! Ruhe jetzt! Scotty, was macht sie gerade?

SCOTTY: Ich sag nur ‚Kartoffelpü’. Sie dreht ein bisschen durch, fürchte ich.

SPOCK: Commander Uhura, Sie wilderndes gieriges Hamsterwesen, mit den Mengen an Kartoffelpüree, die Sie gerade in den Einkaufswagen laden, kann man ein Loch im Staudamm von Euphrat abdichten. Wozu diese abartig irrationalen Mengen Pfanni-Püree und H-Milch??

UHURA (zufrieden): Irrational? Im Gegenteil, das basiert auf einer hochlogischen Gedankenkette. Es liegt doch im Bereich des Möglichen, dass ich hier und zur Stunde im Begriff bin, mich mit der aldebaranischen Seuche anzustecken, und dann könnte es sein, dass ich krank werde, hohes Fieber bekomme und nicht mehr einkaufen gehen kann, weil ich auf der Isolierstation eingesperrt werde. Wenn dann alle anderen auf dem Raumschiff auch nicht mehr einkaufen gehen können, weil sie mit hohem Fieber auf der Isolierstation liegen, wäre das eine Katastrophe, man muss doch was essen, auch wenn man krank ist, und dann sollte man fix und ohne Gedöns etwas auf den Teller kriegen, und deswegen finde ich es sinnvoll, dass man ausreichend Püree und Milch im Schrank hat! Nicht zu vergessen, was passieren würde, wenn ich nun ernsthaft auf die Intensivstation müsste. Falls ich diese nicht überleben würde, wäre es letztlich egal, aber im freudigen Fall meines Überlebens würde ich danach ja in meine privaten Räume zurückkehren, und spätestens dann m u s s etwas im Schrank sein, das man ohne körperliche Anstrengung auf den Teller kriegt. Glücklich die, die dann Püree haben! Wer Sorgen hat, hat auch Püree. Vier von fünf Zahnärzten empfehlen Püree!

SPOCK: – – – – – – – – –  ??

UHURA: Cool, oder? In meinem früheren Leben hatte ich vier Kinder, ich bin perfekt darauf trainiert, Dinge bis zur allerletzten Konsequenz vorauszuberechnen! Außerdem bin ich eine lupenreine Kriegsenkelin, also was erwarten Sie!

SPOCK (resigniert): Ich sag nix mehr. Kein einziges Wort mehr. Auch wenn Sie mich in Gedanken ‚frigider Vollpfosten’ nennen.

(Uhura schlängelt sich durch die Gänge und an anderen Menschen vorbei.)

KIRK (sehr akzentuiert): Commander Uhura, Sie legen augenblicklich die Tiefkühlpizza zurück! Wir HABEN Pizza!

UHURA (empört): Ich will aber Pizza kaufen! Es gibt gerade welche!

SPOCK (regt sich auf): Sie handeln so historisch wie unlogisch! Also wenn Sie zurück sind, dann googlen Sie bitte mal ‚Thomas-Theorem‘: Wenn genügend Leute glauben, dass es morgen keine Pizza und kein Mehl mehr gibt, dann wird genau dies eintreten!

UHURA (sauer): Spock, haben Sie wieder heimlich im Bett „Leschs Kosmos“ geguckt? Das nächste Mal gehen Sie selber in diesen bescheuerten Laden!

SCOTTY (plötzlich alarmiert): Vorsicht, die Erdlinge rücken dem Commander zu eng auf die Pelle!

Er schiebt einen Regler hoch bis zum Anschlag, woraufhin „Don’t stand so close to me“ von Police durch den Laden dröhnt. Die Erdlinge stieben erschrocken auseinander.
Etwas außer Atem erscheint nun Dr. McCoy auf der Brücke. In der einen Hand hält er eine Flasche Martini, in der anderen einen aufgeblasenen Luftballon. 

McCOY (kippt einen Martini und sagt einigermaßen gehässig): Uhura, schauen Sie doch mal, ob Klopapier vielleicht gerade im Sonderangebot ist.

UHURA (flitzt um die Ecke): Ehm, alles leer hier.

SPOCK: Bloß gut, dass wir hier oben nichts davon benötigen. Vorsprung durch Technik!

McCOY (schüttet sich aus vor Lachen): Die ohne Klopapier sind jetzt echt die Gearschten.

UHURA: Pille, Ihre Witze sind heute so mittel. Okay, ich habe alles. Gibt es noch Extra-Wünsche? Commander, wünschen Sie sich was?

CAPTAIN H. (seufzt kellertief): Packen Sie für den Kindergarten hier noch ein paar Überraschungseier ein.

Chekov: Blini! Borschtsch! Appenzeller!

KIRK: Gewürzketchup und Grillkohle!

McCOY: Nachtcreme für reife Haut!

SULU: Colorado!

McCOY (knotet nun den Luftballon auf, inhaliert einen tiefen Zug Helium und quiekt): Stell dir mal vor, wir könnten einen roten Goldbär hier einbuddeln und dann kommt ein riesengroßer Goldbär-Baum, nur mit roten!

SULU (zieht sich ebenfalls Helium in die Lungen): Definitiv sind Frösche und Himbeeren am besten!

CAPTAIN H. (greift jetzt durch): Kinder, es reicht! Das hier ist ein Raumschiff und kein Kleinkunstfestival! Commander Uhura, kehren Sie zurück zur Station.

UHURA: Wie denn? Hier stehen Dutzende von Erdlingen vor den Kassen wie Slalomstangen in Kitzbühel! Kann noch ein paar Lichtjahre dauern.

SPOCK (streng): So viel Zeit haben wir nicht.

UHURA (weinerlich): Ich will zurück ins Home Office!

SULU (fürsorglich): Dann sagen Sie doch den Zaubersatz, Liebes!

UHURA: Ich habe heute leider kein Foto für dich???

SPOCK: Nein, den anderen!!

UHURA: Ach so. Beam me out, Scotty!

SCOTTY: Aye, Commander!

(Es ereignet sich nun das Oster-Wunder, kein Mensch weiß wie, aber Sekunden später steht Uhura mit sämtlichen bezahlten Einkäufen auf dem Parkplatz. Ein Fingerschnipp, aus dem Bobbycar wird wieder ein Raumgleiter, schnipp, sind sämtliche Einkäufe im Laderaum. Uhura steigt ein. )

Dritter Akt.

UHURA (gibt Vollgas und singt laut): Nudellos – durch die Nacht!

McCOY (mit der Stimme von Bruce Darnell): Du bist eine tolle Mädchen! Und du hast es drin, du hast es so drin!

SPOCK (nimmt ihm den Martini weg). McCoy, lassen Sie endlich diesen Scheiß. Und das nächste Mal schicke ich Scotty in den Supermarkt.

CAPTAIN H.: Mein Reden! Als Commander dieses Raumschiffs ordne ich mit sofortiger Wirkung an, dass Frauen ihre wertvolle Zeit und ihre Kompetenzen nicht mit Einkaufen zu verschwenden haben!

UHURA: Palim Palim, bin zurück! Scotty, Sie können den Raumgleiter desinfizieren lassen.

SPOCK (sachlich): Das Altglas am besten gleich mit.

UHURA (wechselt das Mikro): Uhura an Erde, hey Ihr auf dem blauen Planeten, ich kann euch sehen von hier oben! Ich weiß, es ist schwer gerade. So viel Sehnsucht, so viele Sehnsüchte. Nach Umarmungen und Ostern mit der ganzen Familie und im Café abhängen mit Freunden und einfach normalem Leben. Habt noch ein bisschen Geduld, manches geht nicht, ja, aber vieles geht! Und wenn ihr unbedingt hamstern müsst, dann hamstert gute Gedanken. Macht euch säckeweise gute Gedanken. Und dann verschenkt sie! An Einsame, an Hilfsbedürftige, an Schlechtgelaunte, an Tag-und-Nacht-Arbeitende, an alle, die es brauchen. Macht eure Herzen auf diese Ostern, okay? Und bleibt noch ein bisschen zuhause. In dem wenigen, das gerade sicher ist, verspreche ich: Hinterm Horizont geht’s weiter! Ich habe nun Feierabend und heute Abend ein Date. Die Erdbeeren, Ihr wisst schon. Also intergalaktische Ostergrüße von uns allen! Live long and prosper.

Kommentare 6

  1. Grandios.
    „Es ereignet sich nun das Oster-Wunder“.

    Kannst Du bei irgendeinem Kulturamt oder bei Netflix bitte Geld beantragen und mich als Regisseurin für dieses Lustspiel vorschlagen? Ein wirklich mitreißendes Stück Dramenliteratur!

    1. Autor

      Ja, die Komposition des Satzes erheiterte auch mich beim Schreiben, das räume ich gern ein… Okay, ich sehe, was ich tun kann bezüglich Fördergelder. Wär doch gelacht 🙂

  2. Sehr sehr witzig, habe mich in der Tat köstlich amüsiert. Toll geschrieben, wie immer – und es deckt sich mit meinen Einkaufserlebnissen vor Ostern. Hätte Uhura gerne noch im Baumarkt erlebt, aber da wurde sie schon zurückgebeamt Darf ich auf weitere Akte hoffen? Auf Wunsch orchestriere ich und es wird eine opera buffa

    1. Autor

      Liebe Renate, Commander Uhura im Baumarkt, das ist eine ganz andere Geschichte. Danke für die Idee, wir schauen mal… und das mit der Oper geht in Ordnung 🙂

  3. Vor Lachen vom Sofa gefallen. Liebe Karen, einfach großartig, wie immer. 1000 Dank für wieder einmal umwerfende Erheiterung und sensationelles Kopfkino, Du Großmeisterin der Worte.

    1. Autor

      Liebe Ute, genau dafür schrieb ich diesen Text: Damit Menschen vor Lachen vom Sofa fallen. Danke!! <3

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