Klarkommen mit Corona, Teil 2 der Miniserie: Die 18 besten Tipps gegen Einsamkeit

Karen Hartig Allgemein, Karens Lösungs-Mittel Leave a Comment

Für Misanthropen ist die aktuelle Situation ein Fest: Endlich herrscht mal Ruhe, niemand behelligt einen mit physischer Präsenz. Normale Feld-, Wald- und Wiesenherzen jedoch können in dieser Lage, in der aus einem lebendigen kontaktreichen Alltag plötzlich das große Allein wurde, ganz schön in die Knie gehen. Menschen sind nun einmal soziale Wesen, keine Eremiten. Nicht für alle ist das Alleinsein ein erstrebenswerter Zustand, nicht alle sehen in einer Kontaktsperre die tausendfach gepriesene „Chance zur inneren Einkehr“.

Corona hat mich unter anderem dazu gebracht, über die verschiedenen Facetten von „Einsamkeit“ nachzudenken, überhaupt genauer zu differenzieren. Wer allein ist, muss ja nicht zwingend einsam sein oder werden. Aber es kann passieren. Ich selbst fühle mich nicht einsam, aber merkwürdig abgeschnitten – seit Jahren arbeite ich ja freiberuflich im Home Office, gewöhnt an alle Vor- und Nachteile. Nun entfällt plötzlich der reale Kontakt zu meinen KundInnen: Sie fehlen mir. Und Sie machen sich gar keine Vorstellung, wie entsetzlich ich meine Kinder vermisse! Alle vier sind aktuell unerreichbar, somit auch meine Enkel. F*** Corona! Ja, man kann skypen, aber das reicht einfach nicht – real sind wir gerade alle wie Robinsons auf einzelnen Inseln. 

Kontaktsperre: eine große Belastung für die ganz Alten, die plötzlich ohne realen Familienkontakt auskommen sollen, viele von ihnen leben allein. Aber auch für Singles, Alleinerziehende und andere Alleinlebende ist der erzwungene Verzicht auf anfassbare soziale Kontakte ein echter Stresstest. Besonders für die, die ohnehin ungern allein leben und sich nun auch noch isolieren sollen. Abends kommt keiner nachhause, mit dem man kuscheln und sich austauschen kann. 

Der Verlust von Nähe und jeglicher Berührung

Kontaktsperre bedeutet ja auch den Verlust jeglicher Berührung und jeglicher Freundinnenumarmung. Menschen brauchen aber Berührungen zum Leben. Ein kleines Beispiel, das mir mit einem Rums zeigte, wie tief das geht: Letzte Woche hatte ich einen kurzen Kontrolltermin beim Arzt. Die Sprechstundenhilfe nahm Blut ab und klebte dann diese komischen kleinen Saugnäpfe vom EKG-Gerät überall an mir fest. Und nun stand sie neben mir, mit ihrem großen weißen Mundschutz, und wartete die Fertigstellung des EKG ab. In dieser kurzen Minute wurde mir mit Macht bewusst, dass mir seit drei Wochen niemand mehr physisch nah gekommen war, dass es absolut keine Berührung von außen gegeben hatte, keine Umarmung, kein gar nichts: Alles verboten! Und nun stand da plötzlich ein Mensch, ein freundlicher zumal. Direkt neben mir! Um ein Haar wären mir die Tränen gekommen vor Rührung, vor Be-Rührung, um ein Haar hätte ich ihr in diesem Schwall rein menschlicher Emotion kurz mal den Unterarm gestreichelt. Was bis vor drei Wochen absolut normal war und unbemerkt ablief, wurde plötzlich zur emotionalen Sensation. Verrückt, oder?

Und niemanden kann man im Café für ein Schwätzchen treffen. Das heißt, es fehlt an Resonanz. Ohne Resonanz sind wir Menschen aber irgendwann aufgeschmissen: „Niemand ist eine Insel“ hieß ja schon ein Bestseller von Johannes Mario Simmel.  

Kontaktsperre heißt auch, sich selbst aushalten zu müssen

Hinzu kommt, dass so einige Alleinlebende noch nie in der Zwangslage waren, derart auf sich selbst zurückgeworfen zu sein wie jetzt. Damit muss man tatsächlich klarkommen, sich plötzlich mit dieser Person auseinanderzusetzen, die man sonst nur morgens im Spiegel sieht. Sich selbst tatsächlich aushalten zu müssen, ohne Fluchtmöglichkeit. Weil Stille herrscht.

Und wir haben erst zwei Wochen hinter uns!, sonnige Frühlingstage zudem, während derer man prima in den Park gehen und dort zumindest sehen und hören konnte, dass man nicht völlig von der Welt abgeschnitten ist. Doch was mag an zwischen- und einzelmenschlichen Spannungen noch auf uns zukommen, wenn die Sperre noch länger andauert und/oder Regenwetter einsetzt? Und nun kommen auch noch Feiertage. Die klassischen Familientreffen mit Eiersuche und Ausflug: nicht dieses Jahr. Das setzt noch einen drauf, sozusagen.

Einen Tag allein zu verbringen, ist oft eine selbst gewählte Entscheidung. Gewollt, gut, oft behaglich. Das Gefühl der Einsamkeit, des Getrenntseins, des Entbehrens und Vermissens jedoch, das  liegt in einer anderem Dimension, es kann Menschen schier überschwemmen wie ein trübe Flutwelle. Einsamkeit ist mies.

Übrigens kann man auch IN einer Beziehung ausgesprochen einsam sein. Dieser Artikel ist also keineswegs für Singles geschrieben, sondern auch für Menschen mit alten Eltern oder für Alleinlebende, deren Kinder längst aus dem Haus sind. Wenn Sie jemanden kennen … dann leiten Sie den Text gern weiter.

18 Tipps: Was hilft, wenn Sie sich elend oder einsam fühlen 

Vorweg: Das Virus springt nicht von Mensch zu Mensch wie ein Floh – wir verbreiten es. Also plädiere ich vehement für die Formulierung „physical“ distancing statt „social“ distancing. Wer menschlichen Kontakt braucht, wer dringend einen Freund „in echt“ sehen will, möge dies ruhig tun – mit 2 Meter Abstand gemeinsam eine halbe Stunde spazieren zu gehen, kann Wunder wirken.

  1. Virtuell geht immer: Treffen Sie sich mit Freunden und der Familie über Skype, Facetime, Whatsapp. Die Gesichter der Liebsten sehen zu können statt „nur“ deren Stimme am Telefon zu hören, hilft ein bisschen, sich verbunden zu fühlen. Und wenn jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist, der Oma den Gebrauch von Facetime oder Skype nahezubringen, wann denn dann? 
  2. Stellen Sie Fotos auf von den Menschen, die Sie gerade nicht sehen können und die Sie vermissen. In einen virtuellen Bilderrahmen zum Beispiel (der lässt sich per Mausklick bestellen) passen viele, viele JPGs. Wenn Sie diese als Diaschau durchlaufen lassen, wecken Sie schöne Erinnerungen und damit gute Gefühle. Vielleicht ein schönes Geschenk für Oma oder Opa?
  3. Haben Sie sich schon mal virtuell mit Freunden zum Essen verabredet? Jeder kocht sich etwas. Töpfe, Teller, Tablet oder Laptop kommen auf den jeweiligen Tisch – und nun wird gemeinsam gespeist und gequatscht, (fast) wie immer.
  4. Das geht übrigens auch mit einem gemeinsamen Aperol zum Feierabend  😉 Treffen Sie sich mit Kolleg:innen an der virtuellen Bar.
  5. Geht auch als virtueller Spiele-Abend: Stadt-Land-Fluss geht prima mit Laptop oder Tablet, „Wer bin ich“ auch.
  6. Gehen Sie spazieren, wenn Ihnen die Decke auf den Kopf fällt. Vitamin D ist gut für Sie, frische Luft auch, all das stärkt Stimmung und Immunsystem. Zwingen Sie sich besonders dann zu Bewegung, wenn Sie schlecht drauf sind: Ein Spaziergang ist dann wie ein kostenloses Antidot. Übrigens freuen sich auch Ihre Gelenke, wenn sie das tun dürfen, wofür sie geschaffen sind.
  7. Stichwort Bewegung: Viele Sportclubs produzieren aktuell Videos für ihre Mitglieder, damit diese während der Schließungswochen nicht einrosten – da können Sie sich kostenlos einklinken. Yoga, Pilates, Workouts locken Endorphine; dafür reichen schon 10 Minuten. Videos gibt es zum Beispiel hier:  https://www.youtube.com/channel/UCJ-SSWe3teGIq9WDbN4IYEg
    Oder hier, mit Klorollen und Nudelpackungen, äußerst unterhaltsam:
    https://sz-magazin.sueddeutsche.de/sport/fitness-training-workout-wohnung-corona-88519?fbclid=IwAR0qMQyHTEJgze5t02h0Je4t8n53tYWkR1kPdAvF2ch6UvpvZyuk_Pbu-wg
  8. Reaktivieren Sie alte Kontakte – diese sind vielleicht in der gleichen Situation wie Sie und freuen sich über das unverhoffte Lebenszeichen. In dieser Lage spielt es keine Rolle, ob Sie seit fünf Jahre keinen Kontakt hatten oder seit zehn: Alle sind gerade im gleichen Boot, und vielleicht wünscht sich Ihre alte Freundin ja auch gerade, wieder Kontakt zu Ihnen zu bekommen und traut sich nicht … dann wären Sie beim Klassiker „Es waren zwei Königskinder“ angelangt.
  9. Warten Sie nicht passiv darauf, dass es besser wird mit der Einsamkeit, sondern nehmen Sie die Dinge in die Hand. Sie können anderen Menschen eine Freude machen – dann geht es auch Ihnen gut. Zum Beispiel: Schokolade in den Briefkasten stecken, mit einem Kärtchen daran, „Liebe Grüße, ich denk an dich!“.
  10. Die ersten 50 Vokabeln einer neuen Sprache kann man hervorragend online lernen. Die machen vielleicht auch Lust auf mehr. 
  11. Besonders gut für Herz und Seele: Finden Sie eine Tätigkeit, in der Sie aufgehen können, bei der Sie die Zeit vergessen (der berühmte „Flow“). Das hilft Ihrer Stimmung ungemein auf die Sprünge. Es ist also einen Versuch wert, ein altes Hobby zu reaktivieren. Steht vielleicht Ihre Nähmaschine seit 7 Jahren ungenutzt im Keller herum?
  12. Wenn Sie einsam sind, dann reden Sie über Ihre Gefühle. Oh ja, das darf man, ohne sich zu schämen. Was sollte an dem Gefühl, einsam zu sein, denn falsch sein oder womöglich peinlich? Und wenn Sie sich selbst eingestehen können, dass es Ihnen gerade elend geht, dann teilen Sie das einer Freund:in mit: Du, ich bin verdammt einsam… Wetten, dass sie reagiert?
  13. Schreiben Sie mal wieder Briefe, ganz altmodisch mit der Hand. Zum Beispiel an einen Menschen, zu dem Sie schon länger keinen Kontakt mehr hatten (–> Punkt 8).
  14. Wenn Sie physisch gerade nicht an Ihre Enkel (so vorhanden) herankommen, dann können Sie ihnen trotzdem eine Geschichte oder ein Märchen vorlesen, zum Beispiel als Selfie-Video mit dem Handy. Das laden Sie als mp3 auf einen Stick und schicken ihn den Enkeln per Post. Ich garantiere Freude für alle Beteiligten!
  15. Schreiben Sie eine Liste aller schönen Dinge, die Sie tun werden, wenn die Lage sich normalisiert: Ich gehe mit Peter, Paul und Mary essen. Ich gehe ins Kino und futtere eine Tüte Popcorn in XL. Solche Gedanken möbeln die Stimmung auf.
  16. Aktuell eins meiner Lieblingsprojekte: Planen Sie ein richtig schönes Fest, für die Zeit nach der Kontaktsperre: Überlegen Sie, wen Sie einladen werden, was Sie kochen wollen, wie Sie den Tisch decken, ob es vielleicht künstlerische Einlagen geben soll. Lassen Sie Ihrer Phantasie freien Lauf, schwelgen Sie in Vorfreude. Tut gut!
  17. Und sollte es Ihnen mal richtig schlecht gehen, dann scheuen Sie sich bitte nicht, die Telefonseelsorge anzurufen. Das ist weder peinlich noch blamabel, im Gegenteil: Die Menschen dort haben ein offenes Ohr für Sie, und das Tag und Nacht. Telefon 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222, der Anruf ist kostenfrei. https://www.telefonseelsorge.de/
  18. Hier noch ein guter Artikel, falls Sie ältere oder alte Eltern haben: https://ze.tt/corona-wie-sag-ichs-meinen-eltern/

Physical distancing, social caring: Wir sitzen gerade alle im gleichen großen Boot, nur verteilt auf einzelne Jollen im 2-Meter-Abstand. Passen Sie auf sich auf und bleiben Sie gesund – ich sende Ihnen sehr herzliche Grüße

Ihre Karen Hartig

(Foto Quelle: Lucas Myers | unsplash.com)

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