Nein danke, ich möchte nicht durchstarten!

Karen Hartig Sprachgedacht 2 Comments

Gepard jagt über eine Grasfläche

Werden Sie eigentlich auch ständig zum „Durchstarten“ animiert? Meine Mailbox ist täglich voll davon. Allerorten schallt es einem entgehen:
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Starten Sie durch in den perfekten Advent!
So planen Sie Ihre Karriere – starten Sie durch

Ja, Sprachbilder sind etwas Schönes. Wenn alles gut geht, können sie ganze Landschaften und Szenen im Kopf entstehen lassen. Immer vorausgesetzt, sie stammen nicht aus der Kategorie „leider verrutscht“. Durchstarten jedoch ist nichts als ein Sprachunfall.

Das Präfix „durch“ kommt in der deutschen Sprache relativ häufig vor; manchen Verben dient es als Verstärker: Ein Durchatmen zum Beispiel fällt tiefer und gründlicher aus als schlichtes Atmen. Und wenn das Baby nicht nur schläft, sondern tatsächlich durchschläft, dann atmen die Eltern meistens ebenfalls durch. Wenn nicht gar auf. So weit, so gut.

Einfach nur starten, das reicht nicht mehr

Auch die umgangssprachliche Bedeutung des Wortes „durchstarten“ liegt auf der Hand: Man nimmt eine Sache nicht nur in Angriff und legt los, wie beim gewöhnlichen Feld-, Wald- und Wiesenstarten, sondern drückt mit Schmackes auf die Tube und gibt möglichst alles.

Nur, was soll das? Sie startete durch – und hob ab Richtung Mond??

Irgendwann muss wohl jemand aus der Werbebranche der Verlockung erlegen sein, dem schlichten Wort starten mit dem Präfix „durch“ einen Rennanzug aus heißer Luft anzuziehen. Sexy sollte es sein. Denn einfach so starten, das kann jeder, das ist nichts Besonderes, und dann steht ja auch immer zu befürchten, dass man das Unternehmen vielleicht zu lahm angeht oder sich auf dem Weg zum Ziel in einer Seitenstraße verfranzt. Es musste also etwas Stärkeres her, ein verschärfter Start, sozusagen. Und seitdem wird durchgestartet, dass es nur so dröhnt. Ungeachtet der Tatsache, dass auch Usain Bolt, Raumfähren und Geparde niemals etwas anderes tun als einfach zu starten.

Durchstarten macht Magendruck 

Die Sache hat nur einen Haken: Durchstarten ist etwas, was Flugzeugpiloten mit einer schnellen Entscheidung tun, wenn die Landung gerade missglückt. Wenn plötzlich gefährliche Seitenwinde auftreten und eine sichere Landung nicht möglich ist. Wenn ein Crash verhindert werden muss. Dann brechen sie die Landung ab – und starten durch. Hier hätte ich mal ein nettes Beispiel aus Skiathos in Griechenland:

Für Piloten ist das ein geläufiges Manöver und tausendfach geübt. Wer aber als Passagier einmal miterlebt hat, wie eine Maschine kurz vorm Aufsetzen die Nase plötzlich in steilem Winkel nach oben zieht und zwei aufheulende Flugzeugtriebwerke ihre maximale Leistung entfalten, während der eigene Magen und alles, was sich darin befindet, in eine eher unvorteilhafte Richtung gepresst wird, der kräht nicht unbedingt „Juhu, bitte noch mal!“

Mit einem Auto kann man übrigens auch durchstarten, dann gibt man mit kaltem Motor Vollgas. Tut ihm aber nicht besonders gut. Kurzum, durchstarten ist alles Mögliche, aber nicht die tollere Version von starten.

Diese Floskel gehört bitte entsorgt

Ich rege also mit einiger Leidenschaft den Rückbau dieser nervigen Floskel an, sie gehört entsorgt und vergessen.

Sie wollen etwas Neues anfangen, etwas mit viel Energie, Lust und Elan anpacken, sich einer Sache richtig hingeben? Wunderbar, toll, tun Sie es! Starten Sie einfach, packen Sie es an, legen Sie los, packen Sie den Stier bei den Hörnern – und dann wird das was! Ganz ohne verbale Heißluft. (Und falls noch etwas fehlt oder Sie nicht aus den Startblöcken kommen – Coaching hilft.)

Übrigens, wenn Sie griffigere Formulierungen für das bewusste Wort kennen, in denen weder Flugzeuge noch Autos vorkommen: Ich bin wirklich neugierig, schreiben Sie mir sehr gern in den Kommentaren!

Und jetzt muss ich kurz mal durchstarten, zur Post, die war gestern Abend schon zu. Sie wissen schon. Ihnen wünsche ich einen schönen Tag 🙂

Auf bald,
Ihre Karen Hartig

(Titelfoto: Cara Fuller | unsplash.com)

Kommentare 2

  1. uuffffzzzz, vielen Dank für diesen Artikel! Nimmt er mir doch jede Menge Stress… ich hatte vor kurzem wieder einen Flyer der weight watchers im Briefkasten, da kam sogar noch das Wort „erfolgreich“ dazu… „erfolgreich durchstarten in die Weihnachtszeit“. Hui, da dachte ich spontan an Quax, den Bruchpiloten 🙂

  2. Autor

    Liebe Bärbel, vielen Dank für Deinen Kommentar – und ja, „erfolgreich durchstarten“ ist schon wie ein Gasballon um die heiße Luft 😀 Reinpieksen und schon liegt er schrumpelig am Boden….
    Viele Grüße aus Köln!

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