Warum wir neue weibliche Rolemodels über 60 brauchen. Dringend.

Karen Hartig Allgemein, Life & the City 11 Comments

Zeitlos: Warum wir dringend neue Rolemodels 60+ brauchen

Ab 30 werden Frauen älter, sagt Nivea. Ab 40 werden Frauen älter, sagt die Brigitte, deswegen gibt es auch die „Woman“. Ab 50 sowieso, und ab 60 hilft mir die Brigitte „Wir“ durch den Alltag, mit Übungen für mehr Selbstvertrauen und zur Straffung des Beckenbodens. Danke, der ist tadellos in Ordnung. Was ich brauche, ist ein gestandenes Rolemodel.

Heute also die ketzerische Brandrede von einer, die letztens 60 geworden ist, und so erbost wie ich gerade bin, werde ich nicht davor zurückschrecken, auch englische Begriffe zu bemühen (was jedem, der meinen berüchtigten Purismus in Bezug auf denglischen Sprachmist kennt, einen anerkennenden Pfiff entlocken wird).

Ältere Rolemodels aus Kunst, Kultur oder Politik: In Amerika gibt es sie. Michelle Obama, Oprah W., Meryl Streep (die ich verehre), um nur drei zu nennen – hierzulande hat frau es eher schwer. Da ich ernsthaft ausschließen kann, mich Iris Berben oder Ursula von der Leyen emotional anzunähern, zog ich letztens die gesammelten Werke von Ildiko von Kürthy, Meike Winnemuth und Greta Silver als literarische Feldstudie heran: Die Altersspanne dieser sehr erfolgreichen Frauen erstreckt sich über drei Jahrzehnte, alle drei haben eine stattliche Gefolgschaft und/oder LeserInnenzahl vorzuweisen, mindestens zwei von ihnen dürfen als Rolemodels gelten.

Selbsterfahrung „light“ im Schweigekloster

Ich begann mit Ildiko von Kürthys „Neuland“, las und las – aber statt eine Freundin im Geiste zu finden, geriet ich zunehmend in Wallung. „Neuland“ ist das Ausprobier-Buch einer Begüterten aus Harvestehude, die im Supermarkt der Selbstoptimierungsmöglichkeiten spazieren geht und gleichzeitig im realen Leben so safe ist wie nur was (bei 8 Millionen verkaufter Auflage kein Wunder). Ja was meint sie denn, wo die Erleuchtung steckt…? Als sie im zweiten Kapitel schon nach 32 Stunden aus dem Schweigekloster abhaut, weil sie dort es nicht mehr aushält, war ich mehr oder weniger fertig damit. Selbstverständlich ist das Buch kurzweilig und amüsant geschrieben, hat aber eine hohle Randschicht. Und immer geht es nur ums Außen und um Wirkung.

Wobei Kürthy sich, das liegt auf der Hand, das eigene Geschäft zerschlüge, würde sie all die kleinen, lässlichen, stets nachsichtig-kokett beklagten Unzulänglichkeiten ihrer Person abschaffen, die wir Frauen in uns selbst wiedererkennen und deswegen ihre Texte so mögen. Machte sie Ernst, wäre ihre Personenmarke hin, das kann sie kaum wollen.

Und nun Meike Winnemuth, die Stern-Kolumnistin. Wunderbarer Stil, federleicht und mit Substanz, man merkt natürlich in jeder Zeile die präzise beobachtende Journalistin. Von ihren gesammelten Kolumnen in „Um es kurz zu machen – Über das unverschämte Glück, auf der Welt zu sein“ konnte ich nicht genug kriegen; da merkt man einfach, dass ihre Kernkompetenz das kurze Stück ist, in 60 Zeilen alles auf den Punkt bringen, ironisch-weise und mit Tiefsinn. Und was mir persönlich liegt: Sie steht auf Selbstversuche und ist bekennende Ausprobiererin. Nur habe ich im Gegensatz zu ihr auch das mit dem Kinderkriegen ergiebigst ausprobiert – was die Wahrnehmung der Welt massiv beeinflusst und unsere gemeinsame Schnittmenge verringert.

Brausepulver: Und wo ist das wirkliche Leben?

Frau Kürthy ist um die 50, Meike Winnemuth etwa ein Jahr jünger als ich. Danach kommt nichts mehr, erst bei 70 Jahren wieder: Greta Silver. Ich weiß, dass sie gehyped wird ohne Ende, dass manche ihr Buch „Wie Brausepulver auf der Zunge“ zur Altersbibel der Lebensfreude verklären. Mit besagtem „Brausepulver“ vertrieb ich mir auf einer gemütlichen Bahnfahrt nach Ostfriesland die Zeit und hatte schon nach 30 Seiten genug von dem Prickelzeug:

Eigenheim, drei Kinder, der Mann verdient gut, so weit gehe ich noch d’accord. Aber dann ist die Ehe vorbei, man lebt jedoch friedlich noch 15 Jahre zusammen (also wie im wirklichen Leben), woraufhin eine voll einvernehmliche Trennung erfolgt (ganz wie im wirklichen Leben) und nach 20 Jahren des Hausfrauendaseins findet man (total wie im wirklichen Leben) sogleich einen Auftrag zur stilvollen Inneneinrichtung eines Hauses, gefolgt von Aufträgen für Hausboote und danach (also wirklich extrem wie im wirklichen Leben) ein Viersternehotel. Natürlich ist es (wie im wirklichen Leben) für diese Frau absolut null Problem, 15 Kilo abzunehmen, obwohl sie über 60 ist, und nein, wie im wirklichen Leben machte es ihr NICHTS aus, als das letzte Kind auszog. Und hier höre ich erschöpft auf, weil ich von dieser wandelnden menschlichen Perfektion Magendrücken kriege.

Keine Frage, die Intention des Buches ist gut. Doch wenn alles glatt ist, alles easy, jeglicher Schmerz in wenigen Absätzen weggelächelt und die eigene Person im Zweimonatsabstand selbstoptimiert – dann entsteht die Verflachung der Tiefe. Bagatellisiertes Leben. Und „alles ist möglich“ lasse ich als Aussage allenfalls einem beschwipsten Einhorn durchgehen.

Wo, bitte schön, ist das verdammte Buch für normale Menschen, die nicht beseelt schreien, oh mein Gott, ist das geil, über 60 zu sein, die schon mal am 25. des Monats überlegen, ob die Kohle reicht, die ihren Bauchspeck nicht mehr wegkriegen und nach 20 Jahren Trennung immer noch von ihrem Ex angeschwiegen werden??

Best ager? Ach geh mir weg damit! 

Und überhaupt, wenn ich noch mal das Wort BEST AGER höre, kotze ich. Greta Silver findet den Ausdruck perfekt, ich finde ihn unerträglich. Jetzt ist also das „best age“ angebrochen, die besten Jahre, so so. Und was, wenn nicht? Was, wenn das wirkliche Leben einfach anders läuft als „best“, bin ich dann ein Loser? Und überhaupt, was war denn mit 30 oder mit 40? War das alles nichts?

Ich kann diese Superlativitis nicht ausstehen. Meine 20-er waren meine besten Jahre, ich war jung, die Welt gehörte mir und alles lag vor mir und mit 23 wurde ich Mutter. Meine 30-er waren auch meine besten Jahre, weil ich vier Kinder hatte und das Leben geschmeckt und es war schön und wahnsinnig lebendig. Meine 40-er waren meine besten Jahre, weil ich beruflich ungeheuren Erfolg hatte und ein Familienleben so bunt wie chaotisch. Ich hatte viel Geld und mein Vater lebte noch und die zweite Scheidung war nicht so entsetzlich wie die erste. Und meine 50-er waren auch meine besten Jahre, weil alles explodierte und sich neu fügte, die Elemente fielen woanders auf das Spielfeld, ich wurde Coach und erlebte eine unglaubliche Liebesgeschichte über viele Jahre, um die ich mich manchmal selbst beneide ob ihrer radikalen, schaurig-schönen Wucht, in der ich die Liebe lernte und alles vergaß, was ich bislang von ihr kannte, und später verunglückte ein Kind und brauchte sieben Jahre, bis alles wieder gut war und die Wunden geflickt.

„Good ager“ sein, das wäre mal großartig!

Und nun beginnen meine 60-er Jahre und ich soll also sagen: Jetzt ist Ernte, jetzt sind die besten Jahre meines Lebens? Und dann soll ich den Jahren huldigen, die einem eventuell eine Hüft-Operation bringen, vier Zahn-Implantate oder Nasolabialfalten wie Angela Merkel? Best Ager, bullshit! Dann nämlich zählt das Vorangegange nicht: Der Superlativ entwertet fünf Jahrzehnte auf einen Streich.

Nein. BEST AGER, zur Hölle mit dem Scheiß. I am going to be a GOOD AGER. Das wäre übrigens auch meine bilinguale Empfehlung: Werdet einfach good ager.

Like it as much as you liked the shit before. Denn es ist dein Leben, und es ist jetzt. Auch wenn dich die Bandscheiben plagen und du Tabletten gegen Bluthochdruck nehmen musst und zudem, weil du als geschiedener Single in einer Großstadt lebst, womöglich komplett unterkuschelt bist. Das schreibt nur keiner.

Wenn ich 70 bin, will ich endlich in Ruhe Zimtschnecken essen, bis ich pappsatt bin und den Reißverschluss nicht mehr zukriege. Ich will alles, nur nicht mehr „beste Versionen von mir selbst“ erarbeiten, Gott bewahre. Und wenn ich 70 bin, dann hoffe ich, sagen zu können: Auch die 60-er waren meine besten Jahre!

Und gebt mir ein Rolemodel, bitte. Mit Meryl Streep kann ich, aus naheliegenden Gründen, heute Abend nicht in die Kneipe gehen.

Seid herzlich gegrüßt, heute per Du und mit einem besonderen Gruß nach Maastricht,
Eure Karen

(Titelfoto: Karen Hartig)

Kommentare 11

  1. Liebe Karen,
    wie schön, ein Good Ager. Ja, in jedem Lebensjahr das gute Leben feiern, auch wenn gerade der wichtigste Handwerker notoperiert wurde und die Baustelle zum Stillstand kommt und nebenbei in allen Lebensbereichen zeitgleich der Bär steppt.
    Jetzt gerade ist mein Leben gut! Und manchmal sogar wunderbar. Und so war es für mich schon immer und ich habe vor es auch so weitergehen zu lassen.
    Doch ich gebe dir recht, Rolemodels sind gaaaanz dün gesät. Im Juni starb eine der großen Frauen und Vordenkerinnen, Monique R. Siegel. Sie war mir ein leuchtendes Vorbild was alles über 60 Jahren möglich ist.
    Wer noch nie von ihr gehört hat findet in diesem Nachruf viele Anregungen, auch über ihren Tod hinaus:
    https://www.xing.com/news/insiders/articles/adieu-monique-r-siegel-ein-nachruf-auf-eine-vordenkerin-und-wahre-grande-dame-2391516
    Lasst uns die Rolemodels für die nach uns kommenden sein. Und wen wir eins brauchen, lasst uns unser Eigenes imaginieren!
    Vielleicht bei einem Gläschen Champagner, Prosit!

    1. Autor
  2. Liebe Karen, schöner Post, spricht mir aus der Seele. Greta Silver hab ich hier das erste Mal gehört/gelesen, Dank dir weiß ich, dass das reicht. Mein Role Model ist auch in Amerika, tja, so isset halt. Lass ma zusammen ein Bierchen trinken 😉
    Liebe Grüße Maria

    1. Autor

      Danke, liebe Maria. Ja, so isset halt, und ja, lass ma zusammen ein Bierchen trinken – gute Idee!
      Liebe Grüße 🙂

  3. Danke für die wuchtige Wucht Deines Blogsartikels! Lass uns Zimtschnecken genießen . Bald mal wieder ein Käffchen? LbgJasmin

    1. Autor

      Liebe Jasmin, dein Kommentar freut mich sehr. Das gemeinsame Käffchen ist nur 1,5 Kilometer entfernt 🙂
      Bis bald, liebe Grüße!

  4. Liebe Karen, es ist wieder unfassbar, wie du den Nagel auf den Kopf triffst! Es ist eigentlich ein Thema, mit dem ich mich noch nicht so beschäftigt habe… nun ist es präsent! Und ich muss sagen, mir fällt auch kein berühmtes Rolemodel ü 50 ein. Ich habe einige tolle Frauen in meinem Bekanntenkreis, die alle zusammen ein perfektes Vorbild abgeben. Du bist es für mich mit deinen Wortzauber, mit dem du deine Sicht auf die Dinge großartig zu Papier bringst. Und für dein in allen Facetten gelebtes Leben, in das du ein bisschen Einblick gibt und das für mich Motivation ist, in allem das Positive zu sehen, wie du Ja, so müsste mein Rolemodel sein… hemdsärmelig im Leben stehend, mit einer guten Portion Humor auf das Zurückliegende blicken, mit gewachsenem Vertrauen darauf, dass doch alles gut wird, in die Zukunft schauend. Und jedes Jahrzehnt so sehend wie es ist… mit allen schönen und auch nicht so schönen Zeiten, denn die gab es bei mir in jedem Jahrzehnt. Also dann, auf in mein Good Ager-Jahrzehnt

    1. Autor

      Liebe Bärbel, was für ein unglaublicher Kommentar, er bewegt und berührt mich sehr. Danke 🙂 Schlechte Zeiten so gut wie möglich durchstehen, aufs Kommende hoffen, abwarten können, wo es gerade aktiv nichts zu tun gibt und aktiv was tun, wenn Richtung und Ziel klar ist (bzw. damit sie klar werden), das wäre meine knappste „Formel“. Also dann!
      Bis bald, liebe Grüße 🙂

  5. Das ist so klasse und pointiert geschrieben, so müßte ein Buch sein, dass ich mit Freude kaufen und lesen würde. Bitte, bitte sei doch du diejenige, die es schreibt, ich warte drauf!!! Endlich mal eine andere und auf jeden Fall viel mehr meine Wahrheit als das ewige *optimiere dich und alles, was nicht schnell genug weglaufen kann.* Mit 59 arbeitslos….. das z.B. fühlt sich nicht so an, als könnte es die beste Zeit meines Lebens werden. Graue Haare sehen bei vielen Frauen eben nicht von alleine gut aus und Falten sind auch nicht immer ein Gewinn! Liebe Karen, danke für diesen Blog und schreib bitte mehr davon. Wahrhaftig, aber ohne Bitterkeit. Lustig, aber dennoch so ernst. Großes Kino!

    1. Autor

      Ach, liebe Renate, einerseits ist dein Kommentar so schön, liebsten Dank, und andererseits schmerzt mich dein Schmerz. Arbeitslos ist sch***, da gibt es nichts dran zu rütteln. Bleib mutig, bleib zuversichtlich! Liebe Grüße 🙂

  6. Liebe Karen,

    punktgenau, rasiermesserscharf, ungeschönt.

    Wie immer trifft Dein Blogbeitrag den Kern der Sache.

    Rolemodells wie Meryl Streep, Oprah Winfrey, Michelle Obama u. s. w. sind wundervoll, nur leider in vielen Dingen nicht 1:1 anschlussfähig an das Alltagsleben all der Deerns im mittleren Alter, die nicht privilegiert sind, als Prominente im Rampenlicht der Öffentlichkeit zu stehen (und ausgestattet sind mit entsprechenden materiellen Möglichkeiten).

    Auch ich habe mich vor langer Zeit entschieden, mich dem ständig omnipräsenten Druck des Selbstoptimierens, vermittelt durch Medien, zu entziehen. Dieses dort oft vermittelte Bild der always happy, shiny Best Agers ist ähnlich albern, unrealistisch und unterschwellig toxisch wie das der perfekten Frühstücksflockenfamilie in der Werbung.

    All das ist für nix gut, ausser dass sich Menschen mit dieser vorgegaukelten Pseudorealität vergleichen und anschließend befinden, dass sie anscheinend in ihrem Leben wohl etwas gravierend falsch gemacht haben müssen. Weil es in ihrem Leben einfach so nicht aussieht.

    Da sagt nämlich keiner, dass es blöd ist, wenn man merkt, dass man nicht mehr so belastbar ist wie früher. Kein Wunder, ab einem bestimmten Alter hat man schon eine ganze Reihe Misthaufen im Leben wegschaufeln müssen, das hinterlässt nun mal Spuren.

    Vor allem, weil darunter so mancher fremder Misthaufen war, der einem einfach so vor die Füße gekippt wurde, einfach so, in den eigenen Vorgarten. BÄMM!

    Wo doch eigentlich der Plan war, in ebselbigem Vorgarten jetzt endlich mal sein Liegestühlchen aufzustellen und mal in Ruhe ein bischen durchzuschnaufen.

    Also, Stühlchen wegstellen und wieder ein Runde Mist schaufeln gehen, wenn mal nicht will, dass es schnell ganz gewaltig stinkt.

    Oder dass man das Gefühl hat, erst jetzt so richtig Gas geben zu können.

    Blöd nur, wenn der Partner das nicht (mehr) will / kann, oder gefühlt die Zeit fehlt für all die Pläne und Träume, die man als junge Frau nie gewagt hätte, zu träumen (oder schlichtweg das Geld dafür fehlt).

    Und, und, und …

    All das ist nicht im Bild, das Medien und Werbebranche von den sogenannten Best Agern zeichnen. Und bei Mery, Oprah … findet man sich bei aller Wertschätzung auch nicht so recht wieder. (Auch, wenn ich mit allen Drei liebend gern mal einen Abend mit angeregter Unterhaltung verbringen würde).

    Wie Du sagst:

    es fehlen dringend Rolemodells für ganz normale Frauen, die Klartext reden über die Herausforderungen im Alltagsleben normaler Frauen.

    Danke, liebe Karen, für Deine wie immer klaren, ermutigenden Worte!

    Lg, Ute

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